Erinnerst du dich - Sarah

an jene Nacht im September, wo sich unsere Blicke zum ersten Mal trafen? War es der Nebel – oder der Regen, der unsere Schritte zu diesem kleinen Bahnhof im Nirgendwo lenkte? Es war kurz vor Mitternacht und ich wollte den Zug nach Wien erwischen. Laternenlicht drang kaum durch die Nebelschwaden und erleuchteten nur einen kleinen Teil der Schienen. Es sah aus, als würden die Bahngleise aus dem Nichts erscheinen und wieder im Nichts verschwinden.

Erinnerst du dich noch, als ich vor dir stand. Ich lief die wenigen Stufen zum Bahnhofhäuschen hinauf, wollte mich vor dem Regen schützen, als plötzlich deine Konturen vor mir aus dem Nebel erschienen. Du standest da, im Schein der Bahnhofslampen, dabei deinen Regenmantel fest umschlungen. Deine langen schwarzen Haare klebten dir im Gesicht und deine Wimperntusche färbte bereits die Augenlider dunkel. Deine grünen Augen mit den Wimpern eines Rehes suchten mein Gesicht ab und als sich unsere Blicke trafen, spürte ich dich, wie du langsam in mir eindrangst. Das Rot auf deinen Lippen erhellte diesen grauen, kalten und so unwirtlichen Augenblick, der alles veränderte.

Erinnerst du dich noch - ich fragte dich, ob du schon lange hier wartest. Du lächeltest und sagtest: „Mein ganzes Leben“ Deine Wangen waren nass, als hättest du geweint und die feinen Grübchen die sich durch dein Lachen, darauf bildeten, nahmen mir den Atem. Du mustertest mein Gesicht und als dein Blick auf meinen Lippen fiel, konnte ich nicht anders als zurücklächeln. Ich fing mich und fragte: „Der Zug – ist er schon weg?“ Du sagtest, dass du das nicht weist, weil du auch gerade angekommen bist. Wind und Regen nahmen zu und drängten uns zu der einen Einbuchtung in der Mauer. Wir standen nebeneinander eine Zeit lang, völlig bewegungslos, ich traute mich, nicht Mal zu atmen, bis du sagtest, dass du frierst.

Erinnerst du dich noch, der Bahnhof war verschlossen. Ich rüttelte an der Tür das Häuschens, plötzlich hieltest du einen Stein in der Hand und sagtest: „Versuch es damit!“ Mit zwei Schlägen, löste ich das Vorhängeschloss von der Tür und wir drängten, völlig erfroren und durchnässt in diesen kleinen Raum. Warme Luft umschmeichelte unsere Wangen. Es war ein Schalterraum und an der rückwärtigen Wand markierte ein plüschener Zweisitzer aus den 60ger, die Mitte des Raumes. Eine wollene Decke auf diesen, bedeckte die Abgeschürften und zerrissenen Stellen. Wir sahen uns kurz an, kicherten unbeschwerte wie Kinder und machten uns auf diesem breit.

Erinnerst du dich noch – Sarah, als du deinen Mantel aufknöpftest und er seitlich von dir rutschte. Das wenige Licht welches von der Laterne durch ein kleines Fenster in den Raum schien, befreite deine bestrumpften Beine aus der Dunkelheit und ließ sie in roten Lackschuhen enden. Dein roter Rock spannte sich um deine Hüften und ein zarter, kaum wahrnehmbarer Schlitz befreite dabei dein linkes Knie. Mein Blick streifte deine weiße Bluse, und jene Stelle, wo mit jedem Atemzug, sich deine Brüste sanft durch den Stoff drängten. Dein Blick folgte dem Meinen und als ich es bemerkte, blickte ich beschämt zur Tür. Es war wie, ertappt zu werden, ohne etwas getan zu haben, oder als hättest du etwas gehör, ohne dass es meine Lippen verließ.

Erinnerst du dich noch – als du sagtest: „Mach bitte die Tür zu“. Der Regen prasselte unermüdlich auf dieses Häuschen, und erzeugte ein Brummen und brachte den Raum zum beben. Ich setze mich wieder zu dir und ein zarter Duft von frischen Erdbeeren strömte mir in die Nase. Ich liebte damals dieses erfrischende Parfum an Frauen. Ich glaube, ich liebe es immer noch. Es vermittelte Natürlichkeit, Frische und Frucht und lud ein, vieles davon zu kosten …

Sarah - wir waren damals in diesem kleinen Zimmer vor der Kälte behütet und doch irgendwie verloren. Ich fragte dich: „Fährt hier jemals ein Zug?“. Deine Mundwinkel verzogen sich zu einem Lächeln und du sagtest, so als wüsstest du es genau: „Das weiss nur der Himmel“. Doch in dieser Nacht Sarah, wusste der Himmel mehr, als wir es je zu ahnen vermochten. Deine Haare und dein Gesicht waren noch feucht. Ich nahm ein Taschentuch, tupfte kurz an deine Wange und gab es dir. Du fragtest: „Wohin wolltest du mit dem Zug?“. Und ich, noch völlig trunken vom Geruch der Erdbeeren, deinen Augen, deinen Lippen: „Ich weiss es nicht mehr“ Wir lachten unbekümmert, als wäre das Leben ein nie endendes Fest. Dein Lachen hatte die Kraft der Sonne und erhellte dieses düstere Zimmer, an einem Bahngleis, an welchen die Züge ihr Interesse verloren haben.

Erinnerst du dich, als du mit dem Taschentuch meine Wangen berührtest und ich deine Hand nahm. In diesen Augenblick sahen wir uns nur an, verloren uns im Blick des anderen und es war uns völlig egal, ob jemals hier ein Zug halten würde. Ich nannte dir meinen Namen und du sagtest leise - Sarah. Ich hörte damals diesen Namen zum ersten Mal in meinem Leben, und Gott weiss, dass ich ihn seit dieser Nacht im September, noch immer in meinem Herzen trage.

Erinnerst du dich noch, als der Regen aufhörte und deine Lippen zart die meinen berührten. Nur hier und da war ein leises Tröpfeln zu hören, doch unsere Augen funkelten wie Sterne. Das kleine Fenster glich einem strahlenden weißen Bild und gab unsere nackten, dampfenden Körper wieder. Die Nässe des Regens auf unserer Haut war verdampft und angeheizt durch unsere Leidenschaft bildete sich frische Feuchtigkeit, welche sich mit jeder unserer Bewegung, ineinander vermischte. Du sagtest: „Beweg dich nicht“ doch wie hätte ich können, als du deinen Schoß auf meine Lenden presstest. Ich saß da, dich umarmt auf meinem Schoß und atmete deinen Duft ein, der mir die Sinne raubte. Deine Lippen forderten die meinen und eher ich mich versah, spürte ich deine Zähne, wie sie zärtlich zubissen. Ich packte deine nassen Haare und zog deinen Kopf zurück, dabei erhöhtest du den Druck deiner Schenkeln auf meine Hüften und ich spürte, wie tiefer ich drang. Meine Lippen liebkosten deinen Hals, das Pulsieren deines Blutes pochte auf meiner Zunge und dein sanftes Stöhnen dabei, entfesselte einen Orkan in mir. Mit jeder Zartheit, die du mir gabst, entfachte diese das Feuer von Neuem in mir. Ich küsste deine Brüste, saugte an deinen Knospen und spürte, wie du dich in meine Schulter verbeißt. Deine Haut schmeckte nach meiner eigenen und jede Berührung meiner Zunge, lies eine kleine Stelle an dieser erbeben. Deine Bewegungen verloren den Rhythmus, wurden schneller und ruckafter, unkontrollierter und dein Biss in meine Schulter ging noch tiefer. Tiefer als es je mein Herz erlaubt hätte. Ich ergriff deine Teile mit beiden Händen und presste deinen nassen Körper noch fester an meinem Schoß. Du begrubst wieder deine Lippen in meine und ich nahm sie auf, als hätten sie dort schon immer ihren Platz gehabt. Wir atmeten, was sag ich, wir rangen nach Luft, nach Atem, nach Liebe, und den süßen Schmerz, der aus dem Schoß erwächst.

Erinnerst du dich, an diese eine Nacht im September und wie der Morgen kam. Wir lagen umschlungen auf diesen Zweireiher und das kleine Zimmer war voller Dampf, dass sogar das kleine Fenster völlig, doch diesmal von innen, vernebelt war. Du sagtest: „Du willst nicht gehen“ Aber deine Augen sagten etwas anderes. Sie leuchteten nicht mehr und drückten, dieselbe Trauer aus, die ich im Herzen trug. „Nur einen Augenblick mehr“, gab ich zurück und umarmte dich. Du küsstest meine Wangen, meinen Mund und meine Hände, so als hätten sie dir Glück gebracht. „Der Zug wird gleich kommen“, sagtest du. Auch wenn ich es nicht mehr glauben konnte, dass hier überhaupt ein verdammter Zug stehen bleibt, zerriss es mir das Herz, als ich das Suren der Gleise hörte.

Erinnerst du dich Sarah – viel zu schnell, kam der Tag. Noch immer im Nebel gehüllt und viel zu wach für unsere schlafenden Herzen. Der Zug hielt nur einige Minuten. Zu wenig Zeit, um sich zu verabschieden, zu wenig Zeit, um dich zu spüren, noch mal zu berühren. Nur eine Umarmung, gefolgt von den sanften Berührungen unserer Lippen, hinterließ Tränen in unseren Augen. „Bleib bei mir“, sagte ich und meine Stimme versagte. Du weintest und sagtest; „Ich kann nicht, ich muss gehen“. Und ich, zur keiner Frage fähig. Ich hatte Angst, dass die Antwort größeren Schmerz verursachen würde, als die Trennung selbst. Als sich der Zug in Bewegung setzte, verspürte ich auch einen Ruck in meinem Herzen. Der Septembernebel, gab uns keine Schanze, nach wenigen Metern verschwand der Zug mit dir in jenem Nichts, aus welchem er gekommen ist.

Erinnerst du dich Sarah, an diese eine Nacht im September, die das Feuer in unseren Herzen entfachte und uns dabei - für immer verbrannte. In der Hoffnung, dir zu begegnen, kam ich viele Male zu diesem Bahnhof. Am liebsten waren mir die Septembertage, weil sie etwas von uns in sich trugen. Manchmal glaubte ich, dich im Regen oder im Nebel zu erkennen, aber es waren nur Schatten, die sich bei der Berührung meiner Hände - im Nebel ergossen.

Erinnerst du dich Sarah ...